Pälzer G'schichte

  

Iwwer die Elwetrittsche (bestia palatinensis)

's Herbscht. Jetzt kumme se widder raus,  die Elwetrittsche. Wenn ner Glick hänn, kenne ner am Dernbacher Haus fer e  Bruchteil vunn ner Sekund ennie sehe
. Uff dem Bild  owwedriwwer, wenn ner met de Luup gucke, sehe ner nett ganz unne rechts e  Schnawwel. Unn fer die Leit, die nett wisse, was desch is, e Elwetrittsch,  verzeel ich unnedra(n), was es uff sich hot, mett de Elwetrittsche.


     
    
  Apropos Elwetrittsche, nur weenich Leit wisse  iwwerhaupt, was des isch. Ich vezeel emol in Hochdeitsch, domett a die annere  Leit was verstehn: 
  Elwetrittsche (
bestia palatinensis) sind Lebewesen, die  unbeschreiblich sind. Die Elwetrittschologe sind sich nicht einig, ob sie  zwei oder vier Beine haben, ob sie Flügel haben, ob sie ein Maul oder einen  Schnabel haben. Sogar über die Schreibweise des Namens gibt es verschiedene  Meinungen unter den Fachleuten. Die meisten Kenner der Materie gehen von  einem vogelähnliche Wesen aus. Der Künstler Gernot Rumpf hat in Neustadt an  der Weinstraße am Klemmhof einen Elwetrittsche-Brunnen geschaffen. Da  steht  selbstverständlich die künstlerische Phantasie dahinter. Denn  auch Gernot Rumpf muss gestehen – wenn er ehrlich ist, dass er noch keine  Elwetrittsche gesehen hat.  Man weiß nur mit Sicherheit, dass dieses  Lebewesen nur in der Pfalz  vorkommt., vornehmlich im Pfälzer Wald. Nur  wenige Elwetrittschologen behaupten, dass in der angrenzenden Saarpfalz auch  schon einmal eine Elwetrittsche gesichtet wurde. Es gibt einige Indikatoren  für die Richtigkeit dieser Behauptung. Die Saarpfalz, also der Teil des  Saarlandes, der zur Diözese Speyer gehört,  war einmal ein Teil der  bayerischen Rheinprovinz. So wurde im Amtsdeutsch einmal die Pfalz genannt.  Das haben 1816 nämlich die Fürsten auf dem Wiener Kongresses ausgekungelt.  Erst nach dem Ersten Weltkrieg hat man auf der Grundlage des  Versailler  Vertrag das „Saargebiet“ und damit auch die ehemaligen Landkreise St. Ingbert  und Homburg vom Deutschen Reich abgetrennt. Das Hin und Her der  Grenzziehungen ist den Elwetrittsche ganz egal. Deshalb ist die Annahme  berechtigt, dass sie sich auch in den Wäldern  um die Blies herum  festgesetzt haben.  
  Es gibt aber auch ein Gegenargument: Die Einwohner der Saarpfalz fühlen sich  seit Jahrzehnten nicht mehr zu der Pfalz gehörig. Die gemeinsamen Wurzeln  sind vergessen. Die Pfälzer dienen auch den Saarländern, die in der Saarpfalz  wohnen, nur noch als Vorlage für kindliche Witze. Darum bin ich persönlich  überzeugt, dass die Elwetrittsche ausgewandert sind. 
  
  Aber dieser geschichtliche Hintergrund kann uns hier ganz egal sein. Ich will  mich auf das Wesentliche konzentrieren: Fest steht, dass derjenige, der eine  Elwetrittsche fängt, für sein ganzes Leben ausgesorgt hat. Deshalb ziehen  jedes Jahr einige Gruppen in der Dämmerung hinaus  in den Wald in der  Hoffnung, einer Elwetrittsche habhaft zu werden. Hat man nämlich dieses Wesen  in einem Sack gefangen, braucht man ihm nur noch ein silbernes Halsband  umzulegen, um es ganz gefügig zu machen. Man kann es mit nach Hause nehmen.  Bis zum nächsten Vollmond muss man ihm jeden Tag ein Schoppenglas mit Schorle  vorsetzen. Wichtig dabei ist, dass die Mischung von Wein und Sprudel genau im  Verhältnis von 3 (Wein) zu 2 (Wasser) ist und dass man, sobald man das Glas  der Elwetrittsche vorgesetzt hat, aus dem Raum hinaus geht.Bei nächsten  Vollmond muss man die Elwetrittsche wieder in den gleichen Sack stecken, mit  der man sie gefangen hat und wieder an die gleiche Stelle gehen, wo man sie  gefangen hat. Pünktlich um Mitternacht lässt man sie raus. Dann geschieht das  Wunder: Die Elwetrittsche führt den Glücklichen an einen Ort, an dem unter  einem großen Stein ein Schatz vergraben ist. Sobald man dann der  Elwetrittsche das Halsband abnimmt, läuft sie auf und davon und der Stein  rollt weg, unter dem der Schatz liegt. Und der Schatz gehört dem Finder.
  
  Jetzt aber noch der schwierigste Teil der Geschichte: Wie fängt man eine  Elwetrittsche? Also man braucht einen Kartoffelsack, in den ein Zentner  Kartoffel n passt. (Nicht diese kleinen Säckchen  aus Plastikfäden für  einen halben Zentner, die man heute immer wieder sieht.) Das zweite wichtige  Utensil ist eine Lichtquelle. Früher nahm man eine Stalllaterne, heute tut’s  auch eine Taschenlampe. Wenn man vermeiden will, dass die Elwetrittsche herum  zappelt, wenn man sie im Sack gefangen hat, und der Weg nach Hause nicht so  beschwerlich wird, nimmt man am besten auch gleich das silberne Halsband mit.  Schließlich muss man sich einige Freunde organisieren, denen man vertrauen  kann - mindestens drei, höchsten neun. Die müssen nämlich ähnlich wie die  Treiber bei einer Treibjagd die Elwetrittsche aufscheuchen. Mit Kartoffelsack  und Taschenlampe (und evtl. Halsband) bewaffnet geht man also bei der  Dämmerung in den Wald. Der Herbst – so ab Ende September bis Anfang November  – ist die beste Zeit. Man geht mindestens  zwei Kilometer von allen  Ansiedlungen entfernt auf eine Lichtung mitten im Wald. Die Freunde, die man  mitgebracht hat, müssen dann in einem ganz großen Kreis um diese Lichtung  stehen, bis es stockdunkel ist, und dann langsam auf die Lichtung zugehen.  Spätestens nach einer halben Stunde können die Treiber aber auch schon wieder  gehen. Wenn bis dahin keine Elwetrittsche auftaucht, war das der falsche  Platz. Der Fänger knipst die Lampe an, legt sie auf den Boden hinter den  Sack, den er aufhält. Die Elwetrittsche, die von den Treibern aufgescheucht  wurde, sieht das Licht und kommt neugierig schauen, was das wohl ist. Nur  wenn der Fänger sich nicht rührt, kommt sie näher. Das ist der kritische  Moment. An diesem Punkt haben bisher fast alle Elwetrittsche-Jäger versagt.  Nur wie in Zeitlupe bewegt sich die Elwetrittsche. Zuerst steckt sie den Kopf  in den Sack. Auch da haben schon manche Ungeduldige alles verdorben, weil sie  den Sack zumachen wollten. Erst wenn der ganze Körper der Elwetrittsche im  Sack ist, kann sie nicht mehr heraus. Der Kopf allein reicht nicht. War  der Fänger wirklich geduldig und hat sich bis zum Schluss nicht bewegt, muss  er den Sack zuhalten. Geschafft! Jetzt kann nichts mehr passieren. Falls man  das Halsband dabei hat, öffnet man den Sack nur ganz wenig. Die Elwetrittsche  steckt den Kopf heraus und schon kann man das Halsband anlegen. Ab diesem  Zeitpunkt bewegt sich die Elwetrittsche nicht mehr. Mit dem Kartoffelsack  über die Schulter kann man den Wald verlassen, ohne ein Wort zu sprechen. Das  ist noch einmal eine wichtige Hürde, die man nehmen muss. Falls man Leuten  begegnet, die ein Gespräch anfangen wollen, die wissen wollen, wo man  herkommt, wie’s denn so geht, was man da im Sack habe, muss man einfach  weitergehen. Auch wenn die Leute denken, man sei unhöflich.  Unter  keinen Umständen darf die Elwetrittsche die Stimme ihre Fängers hören. Das  gilt die ganz Zeit, auch wenn man sie bei sich zu Hause hat und ihr das  Schoppenglas bringt.  Sobald nämlich die Elwetrittsche die Stimme hört,  wird man zwar zum Schatz geführt, aber man sollte sich dann niemals wieder im  Pfälzer Wald aufhalten. Die Elwetrittschen werden den, der einen der ihren  gefangen hat und den sie an seiner Stimme erkennen, niemals mehr in Ruhe  lassen. Über Baumwurzeln stolpern, ist dann noch das geringste Unglück, das  einem passiert.

So, jetzt wissen Sie, was es mit den Elwetrittschen auf sich hat. 
  

 

Unn noch e G'schicht

 Die goldenen Kastanien - Eine Geschichte aus der Zeit als die Pfalz noch Bayerische Rheinprovinz war
von Franz Fink 
Apropos Keschde, ich kenn e Geschicht von Keschde, die in Werklichkeet drei Goldklumpe ware. Es isch halt kee(n) Geschicht fer Leit, die kee(n) Zeit mehr hänn, wie das heit bei viel Leit so isch. Awwer ich ve(r)zeel se, ob se aich gefallt oder net. Ich mach’s awwer uff Hochdeitsch, sunscht verstehn  die annere widder nix.

Mein Vater war ein Roschbacher; Roschbacher Kuckuck haben die Leute drum herum gesagt. Sein Vater war Maurermeister und seine Mutter Weißzeugnäherin. Obwohl die Kindheit meines Vaters in einer Zeit weit vor dem 1. Weltkrieg war, in einer Zeit, in der sich die jungen Mädchen normalerweise auf ihre Rolle als Hausfrau vorzubereiten hatten und nicht einen Beruf lernten, konnte seine Mutter einen recht anspruchsvolle Lehre machen. Weißzeugnäherinnen waren nämlich diejenige, die die Oberhemden und Blusen nähten, besonders für die feinen Leute, und das alles von Hand.  Auch wenn meine Großmutter, die ich leider niemals kennenlernte, einen richtigen Beruf hatte, wurde sie dann doch nach der Heirat eine  Hausfrau, wie es damals üblich war. Nebenbei übernahm sie aber Näharbeiten für die besseren Leute aus Edenkoben und Landau .
Mein Großvater, der Maurermeister arbeitete selbständig und hatte aber nur eine ganz kleine Firma mit zwei Gesellen und einem Helfer. Viel zu verdienen gab es nicht, weil auch damals schon eine große Konkurrenz bestand. Die Weingutsbesitzer, für die er Keller ausbesserte, im Wingert Terrassenmauern hochzog oder auch mal einen kleinen Schuppen baute, waren auch nicht immer flüssig. So musste er oft auf die Bezahlung für seine Arbeit warten, bis die nächste Weinernte verkauft war.  Das Einkommen, mit dem die Familie meines Vaters auskommen musste,  war also nicht gerade üppig.Mein Vater war gerade sechs Jahre alt, seine Schwester zwei Jahre älter, als sein Vater an einer Lungenentzündung starb. Eine Rente, wie man das heute gewohnt ist, gab es nicht. Die Familie musste nun ohne Vater damit auskommen, was die Mutter mit dem Nähen verdiente. Allerdings gab es noch eine Großmutter, meine Urgroßmutter, die einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten konnte. Die Großmutter betrieb nämlich einen Handel mit irdenem Geschirr. In einem Handwagen - heute sagt man häufig „Bollerwagen“ dazu - mit Stroh gesichert wurde das Geschirr von Dorf zu Dorf transportiert und zum Verkauf angeboten. Mit diesem Handwagen fuhr die Großmutter durch die Dörfer von Roschbach nach Flemlingen, Burrweiler,  Walsheim und Nußdorf,  Leinsweiler und „hinnenaus“ nach Albersweiler, Dernbach und Ramberg, manchmal kam sie auch nach Eußerthal. Der Radius war begrenzt, denn sie musste die Wege zu Fuß gehen, morgens früh aufbrechen und abends wieder zu Hause sein.
Kaum zwei Jahre nach dem Tod des Vaters brach die nächste Katastrophe über die Familie herein: Die Mutter starb ebenfalls nach einer kurzen Krankheit. Nun waren mein Vater, seine Schwester und ihre Großmutter allein übrig geblieben. Beide Kinder mussten neben der Schule selbstverständlich zum Familieneinkommen beitragen. Im kleinen Stall neben dem Häuschen waren drei Ziegen untergebracht, deren Milch ein wichtiger Teil der Grundnahrung war. Die mussten versorgt werden. Die Großmutter und die Schwester waren für das Melken zuständig, mein Vater dafür, Gras an den Wegrändern mit der Sichel zu mähen und die Tiere auf eine kleine Wiese so anzubinden, dass sie jeden Tag das Gras innerhalb eines neuen Kreises abfressen konnten. Die Schwester half in einem der zwei begüterten Familien im Dorf im Haushalt. Außer Essen gab es noch einen kleinen Wochenlohn.  Beim Schlachtfest durfte sie sogar zwei, drei geräucherte Würste mit nach Hause bringen.
Es gab eine Arbeit, auf die sich mein Vater freute. Er war mittlerweile etwa zehn, elf Jahre alt und durfte die Großmutter nach der Schule beim Verkauf begleiten, wenn sie in einem kleineren Umkreis mit ihrem Handwagen unterwegs sein wollte. In den Ferien durfte er, als er dann schon 12 Jahre alt war, auch beim längeren Weg den Wagen ziehen.Es war an einem wunderschönen Sommertag, die Sonne war klar und strahlend über der Rheinebene aufgegangen, nur kleine weiße Wölkchen wurden von einer leichten Brise ganz langsam über den Himmel getrieben. In aller Frühe nach dem Frühstück zogen meine Vater und die Großmutter los. Das Melken der Ziegen überließ die Großmutter ihrer Enkelin. Sie liefen durch die Weinberge an Böchingen vorbei nach Frankweiler. Dort waren die Hausfrauen schon mit den Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt. Die Großmutter rief durch die Straßen „Irdenes Geschirr!“ Nur zweimal musste mein Vater stehen bleiben. Einmal kaufte die Metzgersfrau zwei große Schüsseln. Bei jedem Teil nahm es die Großmutter mit zwei Finger am Rand, hob es hoch und klopfte mit den Fingerknöcheln unten auf den Boden. Wenn es einen bestimmten Ton von sich gab, waren Verkäuferin und Käuferin zufrieden. Mein Vater hatte auch schon einmal erlebt, dass ein Teller einen etwas dumpferen Ton bei der Prozedur von sich gab. Die Großmutter schaute dann den Teller ganz genau an. Sie brauchte übrigens noch keine Brille. Sie konnte bis ins hohe Alter noch sehr gut sehen. Sie klopfte noch einmal, schaute und zeigte auf eine Stelle. Da war ein ganz kleiner Haarriss. Sie legte den Teller an den Rand des Handwagens und nahm einen anderen. Als der dann den richtigen Ton von sich gab, wechselte er die Besitzerin. Irgendwann erklärte sie meinem Vater, dass das auch das Geheimnis ihres Verkaufserfolges war: Die Leute im ganzen Landkreis wussten, dass man ihr vertrauen kann, dass man von ihr keine kaputtes Geschirr angedreht bekommt. So hatte sie sich ein Monopol geschaffen –  würde man heute sagen.
Das mit dem Klopfen passierte auch bei den beiden Schüsseln, die die Metzgersfrau kaufen wollte. Dann musste noch kurz über den Preis gefeilscht werden. Aber die Großmutter hatte eine Preisliste. Da gab es nur selten einen Preisnachlass. Beim zweiten Halt kam eine jungen Frau aus dem Haus und kaufte sechs Teller. Aus heutiger Sicht wäre das kaum der Rede wert. Aber Großmutter war bestens gelaunt und fing kurz nach Frankweiler an zu singen. Sie gingen in Richtung Albersweiler weiterhin durch die Weinberge. Noch war der Handwagen ziemlich voll und die Wege waren nicht wie heute betoniert. Zwischendurch ging es auch bergauf. Es war schon anstrengend für einen zwölfjährigen Jungen. Allerdings half die Großmutter mit ziehen, wenn der Weg zu steil wurde. Es war kurz vor Mittag als sie in der Ferne den Trifels sahen. Albersweiler war nicht mehr weit. Darum gönnten sich die Großmutter und mein Vater eine Mittagspause. Denn in der Mittagszeit, wenn das Essen auf den Tisch steht, wollen die Haufrauen nicht gestört werden. Zu der Tageszeit sollte man auch gar nicht den Versuch machen, den Leuten etwas zu verkaufen. Die Großmutter hatte geräucherte Leberwurst zwischen zwei Scheiben Brot gestrichen. Das war fast ein Festessen für meinen Vater. Zu trinken gab es Wasser aus einem verschließbaren irdenen Krug. Sie ließen sich im Gras an der Böschung nieder und kauten ihr mitgebrachtes Mittagessen.
Da bis dahin der Weg recht beschwerlich war und das Leberwurstbrot im Magen alle Aufmerksamkeit des jungen Körpers brauchte, fielen meinen Vater die Augen zu. Die Großmutter dachte wahrscheinlich, dass sie dem Jungen wirklich etwas Ruhe gönnen musste und so schlief mein Vater ein. Er wachte durch ein Wimmern in der Nähe auf. Seine Großmutter saß nicht mehr neben ihm. Im Wingert hinter ihm nahm er nun das Wimmern deutlich wahr. Noch etwas schlaftrunken stand er auf und ging zwischen den Zeilen dem Geräusch nach.  Da sah er das Rohr aus dem Boden ragen.Auch früher schon waren manche der kleinen Leute recht findig, wenn es darum ging, mit der Familie über die Runden zu kommen. Es gab einen Trick, wie man in den Weinbergen mit einfachen Mitteln Kaninchen fangen und so  auf kostengünstige Weise die Mahlzeit am Sonntag bereichern konnte. Man nahm ein Ofenrohr und verschloss es auf der einen Seite. Ganz vorne legte man eine Karotte in das Rohr und grub das Rohr ein paar Zentimeter in die Erde ein. In den Wingert kamen damals reichlich Kaninchen vor. Die kamen in der Abenddämmerung oder beim Sonnenaufgang auf der Suche nach Futter an dem präparierten Ofenrohr vorbei, rochen die Karotte und wollten sie aus dem Rohr holen. Sie zwängten sich in das Rohr, kamen möglicherweise an die Karotte dran, aber kamen nicht mehr zurück. Auch wenn sie wie wild mit den Pfoten kratzten, eingezwängt in dem glatten Rohr gab es kein Zurück. Und der Weg nach vorne war versperrt. So konnte der Fallensteller das Kaninchen in Ruhe abholen und daraus den ersehnten Sonntagsbraten zubereiten.
So ein Rohr lag unter der Wingertzeile; etwas versteckt im Gras. Damals hat man noch den Boden zwischen den Rebstöcken zweimal im Jahr umgehackt und damit verhindert, dass Gras wachsen konnte. Man hatte die Vorstellung, dass das Gras dem Weinstock die Nahrung wegnimmt. Von Bodenbearbeitung durch Gründüngung hatte man damals noch nichts gehört. Aber in diesem Wingert war der Winzer noch nicht soweit gekommen. Aus dem Rohr ragte die Spitze eines buschigen rötlichen Schwanzes hervor. Als mein Vater näher kam, erkannte er, dass in diesem Rohr kein Kaninchen, sondern ein Fuchs steckte. Das Ofenrohr war zwar an beiden Seiten offen, aber das Tier kam offensichtlich weder vorwärts noch konnte es rückwärts aus dem Rohr kriechen. An der vorderen Seite lag ein Art Deckel neben dem Rohr. Mein Vater dachte sich deshalb, dass in dem Ofenrohr schon ein Kaninchen gefangen war. Der Fuchs wollte sich diese leichte Beute aus dem Rohr ziehen und blieb selbst stecken. Das Kaninchen in seiner Panik entwickelte ungeahnte Kräfte und drückte den Deckel weg. Das Kaninchen schnappte sich wahrscheinlich noch die Karotte und rannte davon. Zurück blieb der Fuchs. Das arme Tier steckte bestimmt schon mehrere Stunde in diesem engen Rohr und war erschöpft. Er war nur noch fähig, ein klagendes Wimmer von sich zu geben.
Mein Vater hatte Mitleid mit dem Fuchs und griff in das Ofenrohr, packte die Hinterläufe und zog mit einiger Mühe das Tier heraus. Zu seinem Glück war die Erschöpfung so weit fortgeschritten, dass der Fuchs sich nur ganz schwach wehrte. Er versuchte zwar, meinen Vater zu beißen, aber er war dafür nicht mehr schnell genug. Mein Vater hielt den Fuchs weiter an den Hinterläufen fest und ging zu der Böschung, an der er mit der Großmutter gesessen hatte. Der Fuchs zappelte zwar immer stärker. Nachdem er aus dem Ofenrohr befreit war, kam er allein schon deshalb wieder zu Kräften. Die Großmutter sah schon von Weitem das außergewöhnlich Paar. Mein Vater rief ihr zu, dass er einen Fuchs habe, der dringend Wasser brauche. Die Großmutter erfasste ziemlich schnell die Lage, packte einen tiefen Teller ihres irdenen Geschirrs aus dem Wagen, stellt in auf die Erde und goss aus dem Wasserkrug etwas Wasser hinein. Mein Vater setzte den Fuchs direkt davor ab. Eine Sekunde zögerte des Tier. Sollte er gleich davon rennen oder doch das angebotene lebenswichtige Wasser annehmen? Der Fuchs entschied sich für das Wasser. Mit einem Auge behielt er die beiden Menschen im Blick, schlapperte aber gierig den Teller leer. Als die Großmutter noch einmal nachschenken wollte, rannte der Fuchs jedoch bei ihrer ersten Bewegung davon. Nach zehn Metern blieb er sehen, drehte sich um und beäugte kurz seine Retter, um dann mit einem Satz zwischen den Wingertzeilen zu verschwinden.
Nach diesem Erlebnis packten meine Vater und seine Großmutter alles wieder ein und setzten ihren Weg fort nach Albersweiler. Dort verkauften sie an diesem Tag fast den ganzen Handwagen leer. Übrig blieb nur der Teller, aus dem der Fuchs das Wasser getrunken hatte. Es war schon später Nachmittag, als sie sich auf den Rückweg machten. Sie gingen an der Queich entlang nach Siebeldingen, Godramstein, von dort nach Nussdorf, an Walsheim vorbei und kamen zu Hause an, als die Sonne von den Rambergern mit dicken Seilen hinter die Berge gezogen war. Für die Südpfälzer Kinder war nämlich ganz klar, dass das neben dem Besenbinden die Hauptaufgabe der Bewohner Rambergs war: jeden Tag, die Sonne mit dicken Seilen hinter die Haardtberge nach unten zu ziehen.
Etwa zwei Jahre später war mein Vater schon aus der Schule. Damals war es üblich, dass man nur sieben Jahre in die Volksschule ging. Nur der Arztsohn oder der Sohn des begüterten Weingutbesitzers gingen auf die Lateinschule nach Edenkoben oder nach Landau. Die Söhne und Töchter der einfachen Leute traten nach sieben Schuljahren schon ins Berufsleben. Für eine Lehre war es noch zu früh. Deshalb besorgte die Großmutter  eine Stelle bei einem größeren Weingutbesitzer in Edesheim. So arbeitete mein Vater mit noch nicht ganz 14 Jahren als Handlanger im Weingut. In aller Frühe mussten Kühe und Pferde gefüttert werden. Dann ging es hinaus in den Wingert, zwischen den Wingertzeilen musste mit einer schweren Hacke der Boden umgehackt werden. Schon früh lernte mein Vater das Kammertmachen. Reben schneiden durfte er noch nicht. Das übernahm der Winzer oder sein Knecht.. Bei Herbsten musste er die Hotte tragen. Und was eine Selbstverständlichkeit war: er durfte auch schon – kaum 14 Jahre alt – aus dem Schoppenglas trinken.
Eines Tages, wieder an einem heißer Sommertag, war mein Vater mit dem Knecht wieder einmal in einem großen Wingert. Der Wingert lag näher an Weyher als an Edesheim. Man konnte also schon die Haardt ganz nah sehen. Auch die St. Annakapelle über Burrweiler glänzte in der Sonne. Während der Mittagspause saßen mein Vater und der Knecht im Schatten eines Nussbaumes. Der Knecht langte beim Wein ziemlich kräftig zu. Offensichtlich hatte er eine zusätzliche Ration ergattert. Gegenüber meinem Vater spielt der den verantwortungsvollen Erwachsenen und gab im nur ein kleines Glas voll von dem Wein ab. Auch wenn der Knecht einiges gewohnt war, waren der Wein, die morgendliche Anstrengung und die sommerliche Hitze genug Gründe, ihn schläfrig zu machen. Er nickte ein und mein Vater machte Rechenübungen: Von Wingertpfahl zu Wingertpfahl braucht man zum Hacken fünfzehn Minuten. Es sind noch insgesamt acht Zeilen und in jeder Zeile sind sieben Pfähle. Das sind sieben mal fünfzehn, nein, nur sechsmal fünfzehn Minuten. Wenn man am siebten Pfahl angekommen ist, hat man das Ende der Zeile  erreicht. Für jede Zeile braucht man also 90 Minuten, das sind eineinhalb Stunden. Noch acht Zeilen sind zu hacken. Bei zwei Arbeitern bleiben für jeden vier Zeilen und viermal eineinhalb Stunden, also sechs Stunden. Um sechs Uhr am Abend werden sie Feierabend machen. Auch wenn sie jetzt nach der Mittagspause direkt loslegen und durcharbeiten, werden sie es nicht ganz schaffen. Also werden sie morgen den weiten Weg noch einmal laufen müssen.
Während mein Vater so rechnete, näherte sich ein Fuchs ganz vorsichtig ihrem schattigen Rastplatz unter dem Nussbaum. Weil mein Vater so mit dem Kopfrechnen beschäftigt war, erblickte er den Fuchs erst, als er nur noch drei oder vier Schritte entfernt war. Die beiden schauten sich regungslos  an. Der Fuchs hatte etwas im Maul. Er ließ drei Kastanien fallen und stieß sie mit der Schnauze zu meinem Vater hin. Der saß nur da und rührte sich nicht. Kurz blitzte ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er wohl auch eingeschlafen sei und dieses unwirkliche Ereignis träumte. Der Fuchs schaute zwischen den Kastanien und meinem Vater hin und her, drehte sich um und schnürte davon.
Mein Vater erwachte aus der Starre. Er war sich einen Moment ganz sicher, dass er auch eingenickt war und den Fuchs und die Kastanien nur im Traum gesehen hatte. Aber zwischen dem grünen Gras, das unter dem Nussbaum recht kurz geblieben war, stachen die Kastanien mit ihrer braunen, wie poliert glänzenden Schale hervor. Mein Vater griff danach – das waren wirklich Kastanien. Kastanien im Sommer? Das kann doch nicht sein. Und dann noch von einem Fuchs gebracht. Verrückt! Er hatte doch nur ein kleines Trinkglas voll Wein getrunken.
„Auf Sepp, wir müssen weitermachen!“ Der Knecht war in der Zwischenzeit wach geworden und trieb sich selbst und seinen Helfer an. Jetzt blieb keine Zeit zum weiteren Nachdenken. Mein Vater steckte die drei Kastanien in die Hosentasche und schnappte sich die Hacke. Der Knecht hatte zwar keine Berechnungen vorgenommen, aber er hatte durch jahrelange Erfahrung auch das Gefühl, dass sie etwas zulegen mussten. Er hatte keine große Lust, morgen schon wieder eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang aufzustehen, um nach einem schnellen Frühstück zu diesem weit entfernten Wingert zu laufen, nur weil noch ein kleines Stück übrig geblieben war. Er tat alles, damit sie noch vor dem Abendläuten am Ende der letzten Wingertzeile ankamen. Mein Vater musste also seine ganz jugendliche Kraft einsetzen, um mitzuhalten. Nach kurzer Zeit waren der Fuchs und die Kastanien in der Hosentasche vergessen.
Nur noch wenige Meter Grasboden lagen vor ihnen, als die Abendglocken in den Dörfern um sie herum läuteten. Nur wenige Minuten nachdem die die Glocken verstummt waren, hatten sie es geschafft. Sie klopften die Erde von ihren Hacken; mein Vater nahm das Bündel mit Vespergeschirr und warf es über die Schulter. Die Hacke auf der anderen Schulter marschierte er hinter dem Knecht zurück nach Edesheim. Sie kamen etwas später zum Abendessen. Die Hausherrin ließ sie spüren, dass ihr das ganz und gar nicht gefiel. Aber mein Vater bekam von der Strafpredigt nichts ab. Es war ja der Knecht, der die Verspätung zu verantworten hatte. Und nach der Anstrengung heute wollte er nur in Ruhe seine Suppe löffeln und einen ordentlichen Kanten frisches Brot dazu essen.
Bevor mein Vater an diesem Abend müde ins Bett fiel, hatte er beim Ausziehen die Kastanien in der Hosentasche wieder entdeckt. Er war allein in einem eigenen kleinen Zimmer, mit Bett, Tisch, Stuhl , einen Regalbrett mit einigen Karl-May-Büchern und einem dicken Atlas, den mein Vater von einem Onkel geschenkt bekommen hatte, der bei der Handelsmarine war, und einem Schrank. Er legte die Kastanien auf den Tisch. Sie waren merkwürdig schwer. Es war aber schon dämmerig und er war einfach nur müde. Deshalb wollte er die Kerze nicht mehr anzünden. Es gab damals nämlich noch keinen Strom und kein Licht, das man einfach mit einem Schalter anknipsen konnte. Er ließ die Kastanien auf dem Tisch liegen, legte sich ins Bett und schlief in kurzer Zeit ein.
Am nächsten Tag blieb auch keine Zeit, sich mit den drei Kastanien zu beschäftigen. Er legte sie in den Schrank und nahm sich vor, die Kastanien am Sonntag nach Roschbach mitzunehmen, wenn er seine Großmutter und seine Schwester besuchen würde. Und so war es dann auch: Am Sonntag in aller Frühe lief  er mit seinen Sonntagskleidern nach Hause. Er ging mit der Großmutter und seine Schwester in den Sonntagsgottesdienst. Nach dem Gottesdienst folgte die Sonntagsschule. Das war so etwas Ähnliches wie heute die Berufsschule, aber in der Hand des Pfarrers. Hinterher gab es ein Sonntagsessen, das die Großmutter gekocht hatte. Als sie gemeinsam beim Essen saßen, erzählte mein Vater die Geschichte, wie er zu den drei Kastanien gekommen ist. Er merkt schon während seiner Erzählung, dass ihm die beiden nicht glaubten. Auch als er die Kastanien auf den Tisch legte, konnte er weder die Großmutter noch die Schwester überzeugen. „Du hast geträumt und dann lagen unter dem Baum noch Kastanien vom vorigem Jahr“, versuchte die Schwester eine einfach Erklärung zu finden. „Aber das kann nicht sein. Das sind frische Kastanien. Die sind nicht von vorigem Jahr“, widersprach mein Vater. Die Großmutter lenkte erfolgreich von der Kastaniengeschichte ab, indem sie danach fragte, ob ihm die Arbeit bei dem Gutsbesitzer gefalle, ob er ordentlich behandelt werde und auch genügend zu Essen bekomme.  Die Schwester erzählte von ihrer Stelle im Haushalt eines höheren Beamten in Edenkoben. Und schon waren die Kastanien und der Fuchs vergessen. Schließlich landeten die drei Kastanien wieder in der Hosentasche.
Nach dem Mittagessen war mein Vater mit einigen Jungs verabredet. Die Walsheimer hatten sich am vorigen Sonntag  in die Roschbacher Gemarkung gewagt und die Roschbacher wüst beschimpft. Zwischen den beiden Dörfern bestand eine Jahrhunderte währende Rivalität. In Roschbach wohnten fast nur Katholiken, Walsheim war protestantisch. Die gegenseitige Abneigung zeigte sich darin, dass an Karfreitag, dem höchsten Feiertag der Protestanten, die Roschbacher ihre Gülle und den Mist auf die Felder nahe an Walsheim abluden; die Walsheimer taten das gleiche auf oder in der Nähe der Roschbacher Gemarkung an Allerheiligen, dem besonderen Feiertag der Katholiken. Da mein Vater am vorigen Sonntag nicht frei hatte, war niemand da, der die Roschbacher Jugendlichen anführte, um die Schmach wieder auszulöschen. Deshalb war heute Vergeltung geplant. Nach der Sonntagsschule wurde der Plan ausgeheckt. Eine Gruppe geht auf die Walsheimer Gemarkung und schreit dort Beschimpfungen. Wenn die Walsheimer kommen, läuft die Gruppe davon, und zwar in Richtung Lehmgrube. Dort wartet eine zweite Gruppe Roschbacher mit Lehmklumpen gerüstet. Wenn die Walsheimer ankommen, werden sie mit einem Hagel von Lehmklumpen empfangen. Der Plan war dann auch erfolgreich. Die Walsheimer mussten mit ziemlich verdreckten Sonntagskleidern davon ziehen. Eins war aber nicht geplant: Ein Dreckklumpen bestand nicht nur aus Lehm. Da war ein Stein drin, der eine recht breite Platzwunde über dem Auge bei einem fünfzehnjährigen Walsheimer hinterließ.
Wer den Lehmklumpen mit Stein geworfen hatte, wusste man nicht. Aber alle wussten, dass mein Vater der Rädelsführer der Roschbacher war. Die Großmutter hatte ihre liebe Mühe, die Mutter des Walsheimer Jungen zu beruhigen, die schnurstracks am späten Nachmittag aus Walsheim angelaufen kam. Zum Schluss schenkte sie ihr eine Schüssel aus ihrem Sortiment. Den ganzen Ärger, den die Großmutter bei dieser Aktion ertragen musste, gab sie am Abend ihrem halbwüchsigen Enkelsohn weiter. Schon wegen der lehmverschmierten Sonntagsschuhe und den Lehmklumpen an den Hosenbeinen war sie außer sich. Wie sollte sie die Sachen wieder sauber bekommen? Für eine zweite gute Hose war kein Geld da.Die Großmutter redete sich in Rage, ihr Gesicht wurde ganz rot und an der Schläfe entstand eine ganz dicke Ader. Mein Vater wurde immer kleinlauter. Dass die Walsheimer ihre Senge bekommen hatten, war dringend notwendig. Dass dabei auch jemand zu Schaden gekommen war, war ihm eigentlich egal. „Der Bub wird demnächst ganz stolz von seiner Verwundung erzählen und damit angeben“, dachte er. Aber er wollte seine Großmutter niemals so aufregen, seine Großmutter, der er so viel zu verdanken hatte. Schuldbewusst zog er nach dem Abendessen Richtung Edesheim davon und kam wie ein geschlagener Hund bei seinem Dienstherren an. „He Sepp, was ist los?“ rief ihm der Knecht zu, als er mit gesenktem Kopf über den Hof lief. „Nix!“ antwortete mein Vater, blickt nicht einmal auf und ging weiter. Er wollte heute mit niemandem mehr sprechen.
Als er in seinem Zimmer ankam und seine Hose auszog, fühlte er wieder die Kastanien. Er warf sie in die Ecke. „Blöde Kastanien!“ rief er laut und ließ sich ins Bett fallen. Am nächsten Morgen war die Welt schon wieder etwas sonniger und er hob die Kastanien auf und legte sie in den Schrank, ganz hinten hinter die wollenen Unterhemden. Dort lagen sie dann, bis mein Vater das Jahr bei dem Gutsbesitzer beendet hatte. Als er kurz vor Ostern seine Sachen packte, rollten die drei Kastanien vom Schrankbrett. Sie sahen immer noch so frisch aus, als wären sie gerade aus dem Kastanienigel herausgedrückt worden. Es war schon erstaunlich. Normalerweise müssten die Kastanien schon ganz geschrumpelt sein. Mein Vater steckte sie wieder in die Hosentasche. Diese Kastanien waren nicht nur wie frisch vom Baum, sondern auch ziemlich schwer.
Mein Vater hätte gerne ein Handwerk am Bau gelernt, Maurer wie sein Vater oder noch lieber Zimmermann. Aber damals musste man als Lehrling in solchen Berufen Lehrgeld bezahlen. Und dafür verdiente die Großmutter mit ihrem Geschirrhandel zu wenig. Also hatte sie in Landau einen Bäckermeister gefunden, bei dem das Lehrgeld ziemlich niedrig war und bei dem ihr Enkelsohn freie Kost und Unterkunft bekommen sollte. So zog mein Vater in eine kleine Dachkammer in der Marktstraße in Landau ein und wurde Bäckerlehrling. Die drei Kastanien lagen nun in Landau im Schrank. Seine Bücher hatte er in Roschbach bei der Großmutter gelassen. Denn zum Lesen kam er nicht mehr.  Mitten in der Nacht um zwei Uhr musste er aufstehen . In der Backstube wurde dann bis um sieben Uhr gearbeitet. Dann musste er Brötchen zu den wohlhabenden Leuten bringen. Dazu musste er das Pferd an einen Einspänner anschirren und durch Landau fahren. Um zehn Uhr hatte er das Pferd wieder im Stall, striegelte und fütterte es. Um elf gab es Mittagessen. Dann konnte er schlafen. Um sechs Uhr am Abend musste der Vorteig angerührt werden. Danach gab’s das Abendessen. Danach war es schon wieder dämmrig. Die Meisterin war ziemlich geizig. Eine Lampe gab es in seinem Zimmer nicht und Kerzen musste er sich selbst kaufen. Also blieb keine Zeit zum Lesen. Nur am Sonntag, wenn er nach Roschbach gekommen war, setzte er sich hin und las alles, was er finden konnte. Das Größte war, wenn sein Onkel ihm aus fremden Ländern Bildbände schickte. So lernte er Sumatra, Shanghai, Deutsch-Südwestafrika, Madagaskar, einfach die ganz große Welt kennen
Von April bis Juni hielt es mein Vater als Bäckerlehrling aus. Dann passierte etwas, was sein Leben ganz umkrempelte: Er holte wieder einmal lustlos seine Unterwäsche aus dem Schrank, als ihm die drei Kastanien von Schrankbrett herunter rollten und ihm nacheinander – eins, zwei, drei – auf den rechten Fuß fielen. Nur bei der dritten konnte er noch schnell den Fuß wegziehen, sodass sie den großen Zeh nur noch streifte. Da er schon schlecht gelaunt war, fluchte er laut. Die Kastanien waren wirklich schwer, denn der Fuß schmerzte, als wäre ein dicker Stein darauf gefallen. Er hob eine der Kastanien auf, die am nächsten lag. Jetzt musste er die Schale aufbrechen, um zu sehen, warum die Dinger so schwer waren. Er holte sein Taschenmesser und schnitt die Schale auf. Innen war ein harter Kern. Und der Kern war nicht grau oder weiß, sondern blinkte wie Gold. Er vergaß ganz, dass er sich anziehen wollte und untersuchte nun alle drei Kastanien. Er war zuerst nicht sicher: Wie konnten in Kastanien Goldklumpen stecken? Aber das Metall, das er von der Kastanienschale befreite, war schwer und glänzte, wie eben Gold glänzt.
Es war kurz vor sechs Uhr am Abend. Der Vorteig musste angerührt werden. Da lagen aber vor ihm drei Goldklumpen. Im Kopf meines Vater liefen ganz viele Bilder ab. Er sah den Fuchs, der ihm die drei Kastanien gebracht hatte. Er erinnerte sich plötzlich an den jungen Fuchs, den er vor einigen Jahren kurz vor Albersweiler aus der Falle gezogen hatte. Hatte dieser Fuchs seinem Lebensretter mit diesen Kastanien aus Gold gedankt? Wenn das wirklich Gold ist, dann bin ich reich, dachte mein Vater. Aber ihm war auch klar, dass er mit diesem Goldklumpen nicht einfach zu einer Bank oder einem Juwelier gehen kann. Die fragen gleich, woher das Gold kommt. Hatten ihm die Großmutter und sein Schwester die Geschichte nicht abgenommen? Wie werden dann fremde Leute darauf reagieren, wenn er behauptet, dass dieses Gold in Kastanienschalen steckte und ihm von einem Fuchs gebracht worden war?
Egal wie, das war die Gelegenheit, aus diesem Trott auszubrechen! Kurz entschlossen, zog er seine Sonntagskleider an, packte das Notwendigste in seinen Rucksack, wickelte die Goldklumpen in sein Taschentuch und schlich sich aus dem Haus. Weil alle um diese Abendzeit in der Backstube oder im Geschäft beschäftigt waren, sah ihn niemand, wie er durch die Gasse hinter dem Haus verschwand. Auf dem Weg über Nußdorf und durch die Wingert an Walsheim vorbei nach Roschbach formte sich in seinem Kopf ein Plan.Er wusste, dass die Großmutter mittwochs in der Abendmesse war. Seine Schwester war gar nicht zu Hause. Sie bekam nur alle vier Wochen am Sonntag frei. Er zwängte sich durch ein Loch im Zaun in den Garten und ging vorsichtig durch die Hintertür ins Haus. Früher hat man in den Dörfern die Türen nie abgeschlossen. Darum brauchte er auch keinen Schlüssel zu suchen. Er schrieb seiner Schwester einen Brief und erklärte ihr, woher die Goldklumpen kommen. Er bat sie, nach einer Möglichkeit zu suchen, das Gold in Geld umzutauschen. Mit dem Geld sollte sie endlich eine Lehre beginnen. Er wusste nämlich, dass seine Schwester wie ihre Mutter Schneiderin werden wollte. Er wolle in die Welt hinaus wie der Onkel. Erst wenn die Großmutter einverstanden wäre, dass er einen ordentlichen Beruf lernen könnte, käme er zurück. Er wickelte zwei der Goldklumpen in ein Geschirrtuch, das an der Stange über dem Ofen hing und legte sie zusammen mit dem Brief unter das Kopfkissen im Bett seiner Schwester. Den dritten Goldklumpen steckte er – eingewickelt in sein Taschentuch -  wieder in die Hosentasche. Dann ging er hinaus in den Garten hinter dem Haus. Dort unter dem Johannisbeerstrauch hatte er in Ölpapier ein bisschen Geld vergraben. Schließlich schnitt er sich noch einen Kanten Brot ab und machte sich auf Umwegen aus dem Dorf. Er achtete darauf, dass er niemandem begegnete, und war bei Einbruch der Dunkelheit in Edesheim.
Für die Nacht hatte er den Heuschober bei seinem früheren Dienstherren vorgesehen. Der Hofhund kannte ihn noch und wedelte nur mit dem Schwanz als er an ihm vorbeischlich. Damit er das Brot nicht so trocken hinunter würgen musste, holte er sich noch ein Glas Wein aus dem Weinkeller. Er kletterte- in einer Hand das Weinglas balancierend - die Leiter auf den Heuboden hoch. Dort stellte er das Weinglas auf die Mittelpfette, richtete sich im Heu einen Platz und aß im Halbdunkel das mitgebrachte Brot und trank den Wein.
Noch bevor der Tag richtig angebrochen war, packte er seine Sachen zusammen und lief in Richtung Bahnhof. Als er dort ankam, schloss der Bahnhofsvorsteher mit der roten Mütze den Fahrkartenschalter auf. Er kaufte eine Fahrkarte nach Neustadt. Er musste nur wenige Minuten warten, bis der Zug kam und er auf einem der Holzbänke Platz nehmen konnte. Das war ein Zug, der am frühen Morgen die Aniliner nach Ludwigshafen brachte. Die Aniliner waren die Männer, die bei der Badischen Anilin und Soda-Fabrik in Ludwigshafen arbeiteten. Da waren auch Roschbacher dabei. Die mussten schon früh vor fünf nach Edesheim laufen, dort den Zug nehmen, in Neustadt umsteigen, damit sie um sechs am Werkstor waren. Mein Vater achtete darauf, dass ihn kein Roschbacher sehen konnte, als er einstieg. Auch beim Umsteigen in Neustadt nütze er das Gedränge, um in der Menge unterzutauchen.
Er kam kurz vor sechs in Ludwigshafen an. Sein Onkel hatte ihm einmal erzählt, dass es im Handelshafen eine Stelle gibt, bei der man bei der Binnenschifffahrt anheuern kann. Er fragte sich durch und fand das Haus direkt am Rheinufer. Bevor er dort hinein ging, setzte er sich auf einen Poller und aß den kleinen Rest seines Brotes. Er dachte noch einmal nach, ob er das wirklich wagen sollte. Der Gedanke an die Alternative, nämlich sein Leben lang kaum etwas vom der Sonne zu sehen, Mehlstaub einzuatmen und fast nur im geschlossenen Raum zu arbeiten, bestärkte ihn: „In der Welt gibt es so viel zu erleben. Ich muss hinaus in diese Welt!“ dachte er und ging in das Büro der Handelsschifffahrt.
Die Schleppschifffahrt auf dem Rhein wurde damals enorm ausgedehnt. Besonders Erz und Kohle wurden zwischen Basel und Rotterdam für die aufstrebende Wirtschaft in den angrenzenden Ländern dringend benötigt und mit langen Schleppverbänden auf dem Rhein transportiert. Man fragte darum in dem Anwerbebüro der Reederei nicht lange nach. Schon nach einer Stunde hatte mein Vater einen neuen Seesack für seine Habseligkeiten, einen Arbeitsvertrag und einen Zettel, auf dem der Name seines neuen schwimmendes Zuhause stand.
Zwei Monate fuhr mein Vater als Schiffjunge auf dem Kahn bei der Bergfahrt im Schleppverband und als einzelner Kahn nur von der Strömung des Flusses angetrieben talwärts. Unterwegs lernte er einen Jungen kennen, der etwa ein Jahr älter als er war. Der kam ebenfalls aus der Pfalz.  Allerdings aus der Gegend von Kusel. Seine Eltern hatten dort einen kleinen Bauernhof. Das bedeutete jeden Tag harte Arbeit und ganz wenig Abwechslung. Für solche Ideen, dass man Geschichten aus der weiten Welt lesen oder gar in die Welt hinaus fahren möchte, hatte sein Vater überhaupt kein Verständnis. Als ihn sein Vater prügelte, nur weil er auf dem Toilettenhäuschen saß, wohin er ein Buch über die Südsee geschmuggelt, und beim Lesen die Zeit vergessen hatte, war er davon gelaufen. Er hatte sich noch von der Mutter verabschiedet. Sie steckte ihm unter Tränen etwas Geld und ein Brot zu. Er packte seinen Rucksack und nahm Reißaus. Auf Umwegen war er ein Jahr zuvor in Ludwigshafen angekommen und hatte auf einem anderen Kahn angeheuert.
Der Junge hieß Kurt. Einer seiner Lehrer in der Schule hatte Verwandte in Luxemburg. Er erzählte besonders ausführlich und bildreich im Erdkunde- und Geschichtsunterricht von diesem kleinen Herzogtum. Von seiner Heuer hatte sich Kurt auch schon einen Bildband über Luxemburg gekauft. Nachdem mein Vater ihn beim Landgang kennengelernt hatte, stellten sie bald fest, dass sie beide aus der Pfalz kamen und dass sie beide Ausreißer waren. Kurt schwärmte immer wieder von Luxemburg. Eines Abends als sie ihre wöchentliche Heuer ausgezahlt bekommen hatten, beschlossen sie beim nächsten Landgang nach Luxemburg aufzubrechen.
So kam es, dass sie sich Ende August am Morgen nach dem Frühstück verabschiedeten. Der Schleppverband hatte kurz hinter Koblenz angelegt. Bei Bad Salzig stieg immer der Lotse zu, der durch die Klippen der Loreley durchlotsen musste. Bis dahin hätte es der Schleppzug nicht mehr geschafft, bevor es stockdunkel gewesen wäre. Radar hatte man damals noch nicht. Also mussten die Kähne an bestimmten Stellen vertäut werden.Sie stiegen in Koblenz in den Zug, der sie nach einer langen Fahrt an der Mosel entlang nach Trier brachte. Es läuteten schon die Abendglocken, als sie endlich dort ankamen. Es war ein warmer und trockener Abend. Deshalb kauften sie sich schnell in der Nähe des Bahnhofs ein Brot und bei der Metzgerei eine Leberwurst. Sie liefen aus der Stadt und suchten und fanden einen Heuschober.  Am nächsten Morgen wanderten sie die Mosel entlang. In Oberbillig bogen sie nach Norden und suchten eine unbewachte Brücke über die Sauer. Sie hatten ja keine Pässe und Luxemburg ist Ausland. Da konnte man damals nicht einfach wie heute über die Grenze. Aber alle Brücken auch über die Sauer waren bewacht. Erst in Metzdorf fanden sie einen Bauern, der mit einem Heuwagen von zwei Kühen gezogen nach Moersdorf wollte. Der nahm sie mit. Weil die Zöllner auf beiden Seiten den Mann kannten, fragten sie auch nicht, wen er da auf seinem Heuwagen sitzen hatte.Nun waren die beiden Pfälzer Buben, die sich schon als Erwachsene fühlten im Ausland. Der Bauer war etwas neugierig und fragte, wo’s denn hingehen sollte. Der Mann sprach zwar Deutsch, aber sein Dialekt war schwer zu verstehen. Sie erzählten ihm, dass sie zu einem verwandten Gutsbesitzer in Waldbillig wollten, um bei der Ernte zu helfen. Der Bauer schien ihnen zu glauben. Er bot ihnen sogar an, dass sie mit zum Abendessen kommen könnten. Sie könnten auch auf dem Heuboden schlafen. Dafür müssten sie aber beim Abladen helfen und morgen früh könnten sie helfen, den Stall auszumisten. So waren sie für diesen Nacht versorgt. Nach dem Ausmisten gab es noch ein gutes Frühstück und ein Stück Brot mit auf den Weg. Die Feldflaschen durften sie auch noch mit Milch füllen.Vier Tage schlugen sie sich durch und kamen ziemlich abgerissen in Waldbillig an. Die meisten Leute sprachen Letzeburgisch und nicht Französisch. Darum konnten sie sich einigermaßen verständigen. Kurt suchte dann in Wasserbillig den Gutsbesitzer und entfernten Verwandten seinen früheren Lehrers. Sie hatten Glück. Der Mann brauchte dringend Erntehelfer. So arbeiteten sie in Luxemburg wieder als Bauernknechte.Mein Vater war zwar nicht besonders groß, aber sehr stark. Er hatte große Ausdauer und ihm war keine Arbeit zu viel. So schloss ihn der Gutsbesitzer, der selbst keine Kinder hatte, in Herz. Eines Abends nach dem Abendessen, als der Gutsbesitzer nach getaner Arbeit auf der Bank vor dem Haus saß, rief er meinen Vater. Er bat ihn sich neben ihn zu setzen und ihm zu erzählen, wieso er nach Luxemburg gekommen sei. Mein Vater hatte Vertrauen gefasst und erzählte seine ganze Geschichte. Zum Schluss zog er sogar den Goldklumpen heraus, der immer eingewickelt in ein Taschentuch in seiner Hosentasche steckte.
Es gäbe noch viel über die Zeit in Luxemburg zu erzählen. Doch meine Geschichte sollte eine Geschichte über die drei goldenen Kastanien sein. Nur noch so viel: Der Gutsbesitzer sollte sich wirklich als grundehrlicher Mann herausstellen. Er übernahm den Verkauf des Goldklumpens und gab das ganze Geld meinem Vater. Kurt hatte schon, als die Novembernebel über den Wiesen lagen, wegen seines großen Heimwehs nach Hause an seine Mutter geschrieben. An Nikolaus kam ein Brief adressiert an meinen Vater an. Er war von seiner Schwester. Sie bat ihn eindringlich, nach Hause zu kommen. Die Großmutter wäre nun auch einverstanden, wenn er in Edenkoben beim Zimmerermeister eine Lehre begänne.
So brachen die beiden Weltenbummler noch vor dem dritten Advent auf. Der Gutsbesitzer fuhr sie mit dem Einspänner zum nächsten Bahnhof. Der Zug fuhr nach Trier. Von dort ging es dieses Mal an der Saar entlang nach Saarbrücken. Nach dem Umsteigen auf einem Großstadtbahnhof fuhren sie weiter nach Homburg. Dort verabschiedete sich Kurt. Er musste über Glan-Münchweiler weiter nach Kusel. Mein Vater fuhr über Kaiserslautern nach Neustadt.  Nach dem Umsteigen kam er wieder in Edesheim an, von wo er vor fast einem halben Jahr losgezogen war. Er lief nach Roschbach. Die Großmutter und die Schwester warteten auf ihn. Sie waren ihm immer noch böse, weil er einfach davon gelaufen war. Aber nach einer kurzen Standpauke zeigten sie, dass sie in Wirklichkeit froh waren, den verlorenen Enkelsohn und Bruder endlich wieder zu Hause zu haben.
Und alles war gut geworden. Die Schwester hatte das Gold in Landau bei einer Bank in Geld umtauschen können. Sie hatte erzählt, dass der Onkel die Goldklumpen geschickt hatte. Da arbeitet ein junger Mann hinter dem Bankschalter, der wahrscheinlich ein Auge auf die Schwester geworfen und deshalb nicht weiter nachgefragt hatte. Die Schwester hatte in Landau eine Lehrstelle bei einem Schneidermeister bekommen. Sie konnte mit dem Geld, das sie jetzt auf der Bank hatten, ihr Lehrgeld bezahlen. Die Großmutter konnte schon im Herbst zu Hause bleiben und musste nicht bei kaltem und regnerischen Wetter mit dem Handwagen losziehen. Und schließlich konnte mein Vater im nächsten Frühjahr seine Zimmermannslehre beginnen.
Und das alles, weil mein Vater einem jungen Fuchs aus einer gemeinen Falle herausgeholfen hat.